Das Land am Rande der Zeit

Ein Mann lebte mit seinem Hund in einer großen Stadt. Dort arbeitete er auch und war zufrieden. Wie er aber eines Tages von der Arbeit nach Hause ging, hörte er aus einem Gebüsch am Weg ein leises, jämmerliches jaulen. Als er nachsah, was das denn wäre, fand er einen jungen Hund mit zerzaustem Fell und ganz schwach. Böse Menschen hatten ihn einfach ausgesetzt.

Der Mann hatte Mitleid mit dem kleinen Hund. Da der kleine Kerl sehr krank aussah, wollte er ihn in die Tierklinik bringen. So nahm er also das Hündchen auf den Arm und machte sich auf den Weg in die Klinik. Aber der Weg war weit und das winzige Hundebaby wurde immer schwächer und fing an zu röcheln. Und wie er den halben Weg gegangen war sah es ihn noch einmal an und starb in seinen Händen. Der Mann war sehr traurig. Er nahm das tote Tier mit nach Hause, denn er wollte es würdig beerdigen.

Als er nach Hause kam jaulte sein Hund jämmerlich und schnüffelt an dem toten Hundebaby. Der Mann nahm Eisenblech und baute einen Sarg daraus, schlug ihn mit Samt aus und legte das Hundebaby hinein. Dann versiegelte er den Sarg, damit kein Ungeziefer hinein konnte. Als er nun gehen wollte um das Tier zu beerdigen, bellte sein Hund und wollte mitgehen. So gingen sie miteinander zum Fluss und der Hund wich auf dem ganzen Weg nicht von seiner Seite.

Am Fluss grub der Mann ein tiefes Grab und legte den Blechsarg hinein. Lange saßen der Mann und sein Hund noch an dieser Stelle und der Mann weinte bitterlich. Von nun an ging der Mann jeden Tag mit seinem Hund an die Stelle und sie gedachten des kleinen jungen Hundes.

So verging die Zeit und der Sommer wich dem Herbst. Die Tage wurden kürzer und kälter und die Stürme des Herbstes kamen. Eines Tages kam ein großer Sturm und der Fluss brachte Steine und Geröll aus den Bergen und trat über die Ufer. Das Wasser schwemmte das Ufer weg und das Grab des jungen Hundes wurde aufgerissen und der Blechsarg ins Wasser getrieben.

Der Fluss trug den Blechsarg mit dem Hundebaby fort. Der Sarg aber trieb immer weiter im Wasser, vom Fluss in den Grossen Fluss, der ins Meer fließt. Viele Leute sahen den Sarg, aber sie hielten ihn für ein Stück Treibholz. So trieb der Sarg immer weiter bis in ein fremdes Land und von dort ins Meer. Im Meer trieb der Sarg hierhin und dorthin, aber niemals an Land. Viele Tage vergingen und der Sarg trieb immer noch auf dem Meer, denn der Mann hatte ihn gut versiegelt. Aber das Salz des Meeres nagte an dem Blech und bald würde es aufbrechen.

Eines Tages zogen Wolken auf und ein schlimmer Sturm zog über das Meer. Der Blechsarg wurde hin und her gerissen und der Sturm tobte viele Tage. Und eben, als der Sturm nachließ, geschah es, dass der Sarg gegen die Felsen eines Landes geworfen wurde, aufplatzte und heraus kroch, als ob es nie tot gewesen wäre, das Hundebaby. Mühsam nur schleppte es sich über die Felsen, aber es schien, dass es immer stärker wurde, je weiter es sich vom Wasser entfernte. Und als es oben auf der Klippe angekommen war, war es stark und gesund wie jeder Hund.

Da schaute er sich um, wo er denn wäre und er sah ein wunderbares Land, voll Sonne und grünen Wiesen. Da waren andere Hunde, die spielten auf den Wiesen, und auch Katzen waren da und viele andere Tiere. Der junge Hund wunderte sich, denn niemand tat einem anderen ein Leid. Wie er aber so stand und schaute, da hörte er eine Stimme, die freundlich sagte: "Du kommst spät. Wir haben schon nach dir Ausschau gehalten."

Er drehte sich nach der Stimme um und da stand ein großer Hund, der ihn freundlich anschaute. "Komm, ich zeig dir unsere Welt." sagte er und lief den Hügel hinab. Der junge Hund kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Wo bin ich?" fragte er. "Dies ist das Land am Rande der Zeit, wo alle Tiere auf ihren Menschen warten. Dann gehen sie zusammen über die Regenbogenbrücke." "Was ist das, die Regenbogenbrücke?" "Du wirst es sehen." sagte der Hund "Aber ich habe keinen Menschen." sagte der junge Hund. "Doch, einen musst du haben, sonst wärst du nicht hier," Darauf antwortete der kleine Hund nichts und sie gingen zusammen zu den anderen Tieren.

Das Land am Rande der Zeit ist ein wunderschönes Land. Es ist nie zu heiß oder zu kalt und wenn einmal Regen fällt, dann fällt er sanft. Es gibt genug zu essen, und keines der Tiere leidet Hunger oder Durst oder wird krank. Der große Hund machte den kleinen mit den anderen Tieren bekannt und sie spielten zusammen den ganzen Tag. Nach einiger Zeit war der junge Hund mit allen bekannt und der alte Hund kam immer seltener um ihm etwas zu zeigen. Als er ihm alles gezeigt hatte kam er nicht mehr. Er muss diejenigen begrüßen, die neu ankommen.

So vergingen viele Tage, aber es wurde ihm nie langweilig. Nur von Zeit zu Zeit wurde eines der Tiere unruhig. Dann wanderte es hin und her, als ob es etwas suche. Über kurz oder lang führte ihn sein Weg auf die Klippe und ans Meer. Dort saß er dann ganz ruhig, als warte er auf etwas. Nach einiger Zeit kam er wieder und bei ihm war ein Mensch. Der grüßte die anderen Tiere und ging dann mit seinem Tier weiter und beide wurden nie wieder gesehen. Aber die Tiere sagten, dass sie zusammen über die Regenbogenbrücke gegangen wären.

Dem kleinen Hund war das alles fremd und er verbrachte einen Tag wie den anderen in diesem zeitlosen Land. In der Menschenwelt mögen viele Jahre vergangen sein, aber eines Morgens, nach vielen ungezählten freudigen Tagen, wurde er von einer seltsamen Unruhe gepackt. Es wusste nicht was es war und er schnupperte hierhin und dorthin, aber da war nichts, was ihn interessiert hätte.

Als er gerade unter ein Gebüsch schlich, hörte er eine Stimme, die sagte: "Da bist du also. Komm mit, es ist wichtig." Da stand ein uralter Hund mit einem dickem Fell. Aus einem Grund, den der junge Hund nicht verstand, kam es ihm so vor, als würde er den alten Hund schon sehr lange kennen. Aber er sagte: "Dich hab ich noch nie gesehen, wer bist du?" "Wer ich bin? Ach ja, du kannst mich ja nicht kennen. Aber ich kenne dich schon lange. Nun, ich warte auf meinen Menschen, der auch dein Mensch ist." "Ich habe keinen Menschen und ich wüsste auch nicht, wer das sein sollte."

Langsam kletterten die beiden die Klippe hoch. Und wie sie hinabschauten, saß da ein uralter Mann auf einem Felsen und schaute aufs Meere hinaus. Der alte Hund bellte laut und rannte auf den Menschen zu. Und er sprang an ihm hoch, schmiegte sich an ihn und leckte im das Gesicht. Jetzt erkannte der junge Hund den Menschen: Es war der Mann, der ihn unter dem Gebüsch hervorgeholt hatte, als er so krank war. Er erinnerte sich an sein Gesicht und an seine Hände. Sonst wusste er nichts, alle Erinnerung war dunkel. Aber nun, da er den Mann sah, wusste er, dass dies sein Mensch war. Der alte Mann nahm ihn auf seinen Arm und streichelte ihn und der alte Hund leckte ihm das Fell. Gemeinsam gingen sie die Klippe hinauf und in das Land am Rande der Zeit.

Sie begrüßten alle Tiere freundlich und dann wanderten sie weiter durch das Land, bis sie an die waldigen Hügel kamen. Da stand jemand am Waldrand. Er sagte nichts, aber nickte ihnen zu. Sein Gesicht konnten sie nicht sehen, es war wie von einem hellen Leuchten verborgen. Dann hob er die Hand und zeigte in eine Richtung im Wald. Der alte Mann und die beiden Hunde wussten, dass dies der Weg war, den sie gehen sollten.

Wie lange sie gegangen waren wussten sie nicht, aber plötzlich standen sie wieder am Meer. Nur waren diesmal keine Klippen da, sondern ein feiner Sandstrand. Das Meer glänzte ruhig im Sonnenlicht und in einiger Entfernung war eine Brücke zu sehen, die in den Himmel führte. Diese Brücke war schöner als alles, was je von Menschenhand gebaut worden war und sie schimmerte in allen Farben. Und die drei Wanderer wussten, ohne dass es ihnen jemand gesagt hätte, dass dies die Regenbogenbrücke war. Und wie sie auf die Brücke zugingen, schien es ihnen, dass sie die ganze Zeit nur darauf gewartet hätten, diesen Schritt zu tun.

So ging der alte Mann mit dem jungen und dem alten Hund über die Regenbogenbrücke in den Himmel hinein und nie wieder wurden sie gesehen.

deenfrhuit

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